Veröffentlicht am 04. August 2026
Erbvertrag oder Testament in Österreich? Unterschiede, gesetzliche Grundlagen (ABGB), Formvorschriften & wann welche Lösung besser ist.
Erbvertrag vs. Testament: Definition und Überblick
Wer in Österreich seinen Nachlass regeln möchte, hat grundsätzlich zwei Hauptinstrumente zur Wahl: das Testament und den Erbvertrag. Beide ermöglichen es, von der gesetzlichen Erbfolge abzuweichen und den eigenen Willen rechtssicher festzuhalten — doch sie unterscheiden sich in Bindungswirkung, Personenkreis, Form und Flexibilität grundlegend. Der Erbvertrag vs. Testament ist daher keine Frage des Geschmacks, sondern eine des konkreten Lebensumstands. Das österreichische Erbrecht ist im Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch (ABGB) geregelt und wurde durch das Erbrechts-Änderungsgesetz 2015 tiefgreifend reformiert; seit 2017 gelten die modernisierten Bestimmungen in vollem Umfang. Das Testament ist dabei die am weitesten verbreitete Form der Nachlassplanung: Es ermöglicht gemäß § 552 Abs. 1 ABGB, zu Lebzeiten festzulegen, was mit dem eigenen Vermögen im Todesfall geschehen soll. Der Erbvertrag nach §§ 1249 ff. ABGB geht einen Schritt weiter — er bindet beide Vertragsparteien und kann nicht einseitig geändert werden. Welches Instrument wann die bessere Wahl ist, hängt vor allem davon ab, wie viel Verlässlichkeit und wie viel Flexibilität die Betroffenen benötigen.
Rechtslage in Deutschland
Auch in Deutschland stehen Erblassern beide Instrumente offen, geregelt im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB). Der Erbvertrag ist in §§ 1941, 2274 ff. BGB verankert. Ein wesentlicher Unterschied zum deutschen Testament: Während ein handschriftliches Einzeltestament ohne Notar gültig ist, muss ein Erbvertrag zwingend notariell beurkundet werden. Gemäß § 2276 BGB kann ein Erbvertrag nur zur Niederschrift eines Notars bei gleichzeitiger Anwesenheit beider Teile geschlossen werden. Der Erblasser kann den Erbvertrag nur persönlich schließen (§ 2274 BGB), er kann sich dabei also nicht vertreten lassen. Der Erblasser muss dafür nach § 2275 BGB unbeschränkt geschäftsfähig sein. Eine Betreuung allein nimmt die Geschäftsfähigkeit nicht; ein Einwilligungsvorbehalt kann sich nicht auf Verfügungen von Todes wegen und auf Erbverträge erstrecken (§ 1825 Abs. 2 BGB). Die Bindungswirkung ist das Kernmerkmal: Anders als beim Testament ist ein Erbvertrag grundsätzlich nicht einseitig widerruflich. Der oder die Erblasser sind nach Vertragsschluss in ihrer Testierfreiheit beschränkt und können nicht mehr abweichend testieren. Eine wichtige Schutzregel: Hat der Erblasser in der Absicht, den Vertragserben zu beeinträchtigen, etwas verschenkt, kann der Vertragserbe nach dem Erbfall vom Beschenkten die Herausgabe des Geschenks nach den Vorschriften über die ungerechtfertigte Bereicherung verlangen (§ 2287 BGB). Pflichtteilsberechtigte Erben in Deutschland sind die Kinder des Erblassers, der Ehepartner und — je nach Erbenkonstellation — die Eltern; wer von ihnen durch den Erbvertrag von der Erbfolge ausgeschlossen ist, kann den Pflichtteil verlangen (§ 2303 BGB); anfechten kann ein Pflichtteilsberechtigter den Erbvertrag nur unter den engen Voraussetzungen des § 2079 BGB, etwa wenn er erst nach Vertragsschluss geboren wurde oder dem Erblasser bei Vertragsschluss nicht bekannt war. Ein Erbvertrag kann in Deutschland zwischen beliebigen Personen geschlossen werden, nicht nur zwischen Ehegatten — das ist ein wesentlicher Unterschied zur österreichischen Rechtslage.
Rechtslage in Österreich
In Österreich ist der Erbvertrag in den §§ 1249 bis 1254 ABGB geregelt. Diese Bestimmungen blieben auch nach der großen Erbrechtsreform durch das ErbRÄG 2015 inhaltlich erhalten. Der entscheidende Unterschied zum deutschen Recht: Ein Erbvertrag kann in Österreich nur zwischen Ehegatten, eingetragenen Partnern und Verlobten abgeschlossen werden. Bei Verlobten wird der Vertrag nur dann wirksam, wenn es tatsächlich zur Eheschließung kommt. Formvorschriften: Gemäß § 1249 ABGB muss der Erbvertrag in Form eines Notariatsakts errichtet werden. Ergänzend ordnet § 1 Abs. 1 lit. a Notariatsaktsgesetz die Notariatsaktspflicht für Erbverträge an. Ein Erbvertrag, der nicht als Notariatsakt und mit allen Erfordernissen eines schriftlichen Testaments errichtet wurde, ist ungültig. Das reines Viertel: Gemäß § 1253 ABGB muss ein reines Viertel der künftigen Verlassenschaft frei von vertraglichen Bindungen bleiben. Erbverträge können daher nur über maximal drei Viertel des Nachlasses abgeschlossen werden. Dieses reine Viertel muss außerdem von Belastungen durch Schulden und Pflichtteile frei sein. Über das verbleibende Viertel kann der Erblasser durch ein separates Testament frei verfügen — andernfalls greift insoweit die gesetzliche Erbfolge. Bindungswirkung: Gemäß § 1254 ABGB kann der Erbvertrag nicht einseitig widerrufen werden. Eine Aufhebung oder Änderung ist grundsätzlich nur im Einvernehmen beider Vertragspartner möglich; einseitig lässt sich der Erbvertrag nur aus vertragsrechtlichen Gründen entkräften. Bei einer Scheidung oder Aufhebung der Ehe ohne Verschulden oder mit gleichteiligem Verschulden sowie bei einer Scheidung im Einvernehmen erlischt der Erbvertrag, sofern nichts anderes vereinbart wurde (§ 1266 ABGB). Ist ein Ehegatte allein oder überwiegend schuldig, bleibt das Recht aus dem Erbvertrag dem schuldlosen oder minderschuldigen Ehegatten auf den Todesfall vorbehalten. Wird die Ehe für ungültig erklärt, zerfallen die Ehepakte (§ 1265 ABGB). Für eingetragene Partner gilt das sinngemäß (§ 1217 Abs. 2 ABGB). Das Testament nach §§ 577 ff. ABGB ist demgegenüber deutlich flexibler: Es kann jederzeit widerrufen werden — ausdrücklich durch ein neues Testament, stillschweigend durch Errichtung eines widersprechenden neuen Testaments oder durch Vernichtung der Urkunde. Das eigenhändige Testament nach § 578 ABGB ist die einfachste Variante: Es muss vollständig handschriftlich verfasst und eigenhändig unterschrieben sein; Zeugen sind nicht erforderlich. Das fremdhändige Testament (§ 579 ABGB) unterliegt seit der Reform 2017 strengeren Formvorschriften und erfordert unter anderem drei Zeugen. Das öffentliche, notarielle Testament bietet die höchste Rechtssicherheit und wird automatisch im Testamentsregister eingetragen. Das Pflichtteilsrecht schränkt die Testierfreiheit sowohl beim Testament als auch beim Erbvertrag ein: Pflichtteilsberechtigt sind nach § 757 ABGB ausschließlich Nachkommen (Kinder, Kindeskinder) und der Ehegatte bzw. eingetragene Partner. Als Pflichtteil gebührt jedem Kind und dem Ehegatten die Hälfte dessen, was ihnen nach der gesetzlichen Erbfolge zugefallen wäre (§ 759 ABGB). Die Pflichtteilsberechtigung der Eltern wurde mit der Reform 2017 abgeschafft.
Erbvertrag oder Testament: Schritt-für-Schritt zur richtigen Entscheidung
1. Klären Sie den zulässigen Personenkreis. In Österreich ist der Erbvertrag nur zwischen Ehegatten, eingetragenen Partnern und Verlobten möglich. Sind Sie ledig, in einer Lebensgemeinschaft ohne eingetragene Partnerschaft oder wollen Sie Kinder, Geschwister oder Dritte absichern, kommt nur das Testament in Frage. In Deutschland kann ein Erbvertrag grundsätzlich mit jeder Person abgeschlossen werden. 2. Prüfen Sie den Bedarf an Verlässlichkeit vs. Flexibilität. Wollen Sie Ihren Partner so absichern, dass keine spätere einseitige Änderung möglich ist? Dann ist der Erbvertrag das stärkere Instrument. Wollen Sie sich die Möglichkeit offenhalten, Ihre letztwillige Verfügung jederzeit anzupassen, ist das Testament die richtigere Wahl. 3. Planen Sie die Viertelregelung in Österreich mit ein. Der Erbvertrag kann höchstens drei Viertel des Nachlasses binden. Entscheiden Sie frühzeitig, was mit dem reinen Viertel geschehen soll. Die empfohlene Lösung: einen ergänzenden Testamentsentwurf aufsetzen, der das freie Viertel ebenfalls an den Partner überträgt. 4. Holen Sie notarielle Beratung ein. Der Erbvertrag ist zwingend als Notariatsakt zu errichten; beide Parteien müssen gleichzeitig persönlich beim Notar erscheinen. Nutzen Sie diesen Termin auch zur umfassenden Nachlassplanung. 5. Berücksichtigen Sie das Pflichtteilsrecht. Weder Testament noch Erbvertrag können die Pflichtteilsansprüche von Nachkommen und Ehegatten vollständig ausschließen. Der Pflichtteil beträgt jeweils die Hälfte des gesetzlichen Erbteils. Planen Sie daher, wie diese Ansprüche im Erbfall bedient werden können. 6. Klären Sie die Auswirkung einer möglichen Scheidung. Ein Erbvertrag erlischt in Österreich bei einer Scheidung im Einvernehmen oder ohne bzw. mit gleichteiligem Verschulden, sofern keine andere Vereinbarung getroffen wurde; ist ein Ehegatte allein oder überwiegend schuldig, bleibt das Recht aus dem Erbvertrag dem schuldlosen oder minderschuldigen Ehegatten vorbehalten (§ 1266 ABGB). Wollen Sie davon abweichen, sollten Sie das ausdrücklich im Erbvertrag regeln. 7. Registrieren Sie Ihre letztwillige Verfügung. Sowohl Testament als auch Erbvertrag können im österreichischen Testamentsregister eingetragen werden. Das schützt vor dem Verlust des Dokuments und stellt sicher, dass es im Erbfall gefunden wird.
Häufige Fehler und wie man sie vermeidet
Fehler 1: Das Testament am Computer tippen. Ein am Computer geschriebenes Testament ist in Österreich kein gültiges eigenhändiges Testament nach § 578 ABGB. Der gesamte Text muss handschriftlich verfasst sein. Die Lösung: Den vollständigen Text mit der Hand schreiben, am Ende eigenhändig mit vollem Namen unterschreiben und Ort sowie Datum ergänzen — auch wenn letzteres gesetzlich nicht zwingend ist, ist es dringend empfehlenswert, um bei mehreren Testamenten die zeitliche Reihenfolge klären zu können. Fehler 2: Den Erbvertrag für das gesamte Vermögen abschließen wollen. Viele Paare sind überrascht, dass ein Erbvertrag in Österreich zwingend ein reines Viertel des Nachlasses ungebunden lassen muss. Wer darüber hinaus auch dieses Viertel dem Partner hinterlassen will, braucht ein ergänzendes Testament. Die Lösung: Erbvertrag und Testament als Gesamtpaket planen, sodass kein Teil des Nachlasses ungeklärt bleibt. Fehler 3: Den Erbvertrag einseitig widerrufen wollen. Im Gegensatz zum Testament ist der Erbvertrag nicht einseitig kündbar. Wer sich ohne Zustimmung des Partners durch ein späteres Testament davon abzuwenden versucht, erzeugt unwirksame Verfügungen — denn die Bindungswirkung des Erbvertrags schließt spätere letztwillige Verfügungen zulasten des Vertragserben aus. Die Lösung: Änderungswünsche frühzeitig mit dem Partner besprechen und gemeinsam einen neuen Notariatsakt aufsetzen. Fehler 4: Auf die notarielle Form beim Erbvertrag verzichten. Ein Erbvertrag ohne Notariatsakt ist in Österreich schlicht nichtig — und kann auch nicht als Testament aufrechterhalten werden, wenn auch die Testamentsform nicht eingehalten wurde. Die Lösung: Ohne Ausnahme den Weg zum Notar gehen; beide Partner müssen gleichzeitig persönlich anwesend sein. Fehler 5: Das Pflichtteilsrecht ignorieren. Weder ein noch so sorgfältig formuliertes Testament noch ein Erbvertrag kann die Pflichtteilsansprüche pflichtteilsberechtigter Nachkommen und des Ehegatten vollständig beseitigen. Eine Nachlassplanung, die diese Ansprüche nicht einkalkuliert, kann im Erbfall zu erheblichen Liquiditätsproblemen führen. Die Lösung: Pflichtteilsansprüche bei der Planung realistisch berechnen und prüfen, ob ausreichend liquide Mittel vorhanden sind, um diese im Bedarfsfall auszuzahlen.
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